Bruder Baum

 

Den Menschen der Frühzeit war ihre Abhängigkeit vom und ihre Verbindung mit dem Naturgeschehen in viel stärkerem Maße bewußt als uns modernen Menschen heute. Bäume wurden von den Menschen der Frühzeit wie Götter oder hö­here Wesen ver­ehrt. Die Bäume schenkten den Menschen nicht nur Früchte oder einzelne Bestandteile zur Verarbei­tung. Vielmehr haben unsere Vorfahren in jedem Baum eine ebenso einmalige Persön­lichkeit entdeckt, wie wir das heute beim Menschen tun. Die ver­schiedenen Merkmale der Bäume wurden von den Menschen früher intuitiv aufgenommen. Manche Menschen konnten sogar mit Bäumen sprechen.

 

Der Baum ist ein wunderbares Symbol für ganz natürliche Zu­sammenhänge, die für jeden Menschen glei­chermaßen gelten. Seine einzelnen Bestandteile finden wir auch in Körper und Seele des Menschen wieder.

 

 

Wurzeln: Jeder Baum braucht Wurzeln. Diese geben einerseits Halt und sorgen andererseits für Ernährung aus der Erde. Auch je­der Mensch braucht Wurzeln, um nicht haltlos zu werden. Wir brau­chen die Bodenschätze der Erde für viele Dinge, die wir nicht vermissen mögen: Öl und Gas für Wärme und Fortbe­wegung, Steine zum Bauen, Metalle und Edelsteine für Ma­schinen und Schmuck.

 

 

Stamm und Rinde: Am geraden Wuchs des Stammes und an der Rinde läßt sich die Art des Baumes, seine Persönlichkeit, erkennen. Die Rinde der Birke leuchtet weithin mit ihrem silbrigen weißen Streifen, die knorrige Eichenrinde ist rauh und rissig. Die röt­liche Farbe der Kirschbaumrinde ist unverkennbar. Auch beim Menschen achten wir auf einen geraden Wuchs und dar­auf, wie er sich für uns an­fühlt. Dazu müssen wir ihn nicht un­bedingt berühren, denn auch seine Rinde (Haut und Kleider) ist sichtbar und deutlich zu er­kennen.

 

Äste und Zweige: Die Äste ragen nicht nur in den Himmel, sondern sie können auch weit zum Boden herunterhängen. Sie können ein be­schützendes Dach bilden. An den Ästen wachsen Blätter und später Früchte. So sind die Äste stark und tragfähig. Am ehe­sten gleichen die Äste unseren Armen, die sich nach allen Richtungen ausstrecken können und auch tragfähig sind.

 

Blattwerk und Krone: Die Form aller Äste zusammen bildet die Krone. Sie kann hoch in den Himmel ragen, wie bei einer Pappel, oder weit ausladend sein, wie bei einer Rotbuche. Sie kann ein luftiges Zelt bilden, wie bei einer Trauerweide oder ein dichtes Dach wie bei einer Eiche. Beim Menschen bildet das Zusammen­wirken all dessen was er (mit seinen Armen und Händen) tut die ‘Krone’. Und auch da gibt es sehr unterschiedliche Ge­samteindrücke, wie bei den Bäumen.

 

Blüten: Manche Bäume blühen wundervoll, andere unscheinbar. Doch jeder Baum blüht irgendwann. Die Blüte weist uns schon auf die Unsterblichkeit hin, die dann durch die Samen in der Frucht er­reicht werden. Auch jeder Mensch erblüht, wenn seine Umge­bungsbedingungen günstig sind. Jeder trägt das Zukünftige schon in sich. Ein zarter, meist unsichtbarer Teil von uns ist wie beim Baum unsterblich.

 

Früchte: Jeder Baum trägt Früchte. Die Natur zeigt hier ihre ganze Fülle und Verschwendungskraft. Es gibt viel mehr Früchte als zur Ar­terhaltung nötig sind. Der Baum produziert Früchte, die zur Er­nährung von Mensch und Tier wichtig sind. Und der Überfluß an Früchten zerfällt mit der Zeit und wird wieder zu Humus, zur Nahrung für den Baum.

 

Die Früchte des Menschen sind auch weit mehr als nur seine di­rekten Nachkommen. Es geht nicht nur um die Arterhal­tung. Das, was ein Mensch durch sein Leben erwirkt und er­reicht, das sind seine Früchte. Und in jedem erreichten Ziel steckt der Same für neue Pflanzen, für neue Möglichkeiten, für neues Leben. Unsere Wälder sind durch Umweltgifte gefährdet, werden aus Profitgier und Konsumverhalten abgeholzt und sterben ... Und wie steht es mit uns Menschen? Wir sind auch gefährdet, wenn wir uns nicht auf natürliche Lebensweisen zurückbesinnen.

 

‘An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen’ heißt es schon in der Bibel. Und an anderer Stelle: ‘Die Frucht aber des Geistes ist: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit!’