Wie die Zeitzonen entstanden
Wenn in Köln die Sonne aufgeht, scheint sie in Dresden schon 27 Minuten. Dafür ist es dann bei uns noch 27 Minuten hell, wenn in Dresden die Sonne schon untergegangen ist. Doch auf diese Unterschiede achtet kaum jemand. Einheitliche Zeit über große Entfernungen, ohne Rücksicht auf den Sonnenstand, ist uns so selbstverständlich, als gäbe es sie schon immer.
Die Sonne bestimmt unser Leben und unseren Tagesablauf. Wenn die Sonne ihren Höchststand erreicht, ist es an dem betreffenden Ort 12 Uhr mittags. Da sich unser Planet in 24 Stunden einmal um sich selbst dreht - was dem scheinbaren Umlauf der Sonne durch einen 360-Grad-Kreis entspricht - differieren die Mittagszeiten zweier Orte, die ein Grad in der geographischen Länge auseinanderliegen, um vier Minuten. Diese Zeiteinheit bekommt man, wenn man die 1440 Minuten des Tages durch 360 Grad teilt.
In Deutschland finden wir zwischen Bonn und Aachen diese Zeitdifferenz von vier Minuten. Wenn es also in Bonn 12 Uhr mittags ist, dürften die Uhren im weiter westlich gelegenen Aachen - genau genommen - erst 11.56 Uhr anzeigen. Zwischen Kassel und Bonn besteht ein Zeitunterschied von cirka 15 Minuten, den die Kasseler Uhren durch eine spätere Uhrzeit anzeigen müssten.
Seit eh und je hatte jeder Ort seine eigene Zeit: Wenn die Sonne am höchsten stand, war es am Kirchturm 12 Uhr, basta. Wer reiste, musste ständig seine Uhr umstellen, sofern er eine hatte. Sonst nahm er einfach zur Kenntnis, dass "die Uhren woanders anders gehen."
Dann kam die Eisenbahn. 1858 baute die Fa. Borsig in Berlin bereits die 1000. Lokomotive. Vernünftige Fahrpläne scheiterten an den unzähligen Ortszeiten, so kam es zu einer internen deutschen "Eisenbahnzeit". Es folgten eigene Zeiten vieler deutscher Kleinstaaten, was ebenfalls zu Schwierigkeiten beim Reisen führte.
Am 1. April 1892 führten die süddeutschen Staaten die Mitteleuropäische Zeit ein. Ein Jahr später setzte dann ein "Reichsgesetz, die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung betreffend", die Mitteleuropäische Zeit vom 1. April 1893 an in ganz Deutschland ein.
1894 einigten sich in Washington 27 Staaten, die Erde in Zeitzonen aufzuteilen. Die fehlenden Staaten traten später bei. Daraus ergibt sich wegen der Erddrehung, dass alle 15 Längengrade die Zeit um jeweils 1 Stunde von der Greenwicher Zeit abweicht. In Richtung Osten wird addiert, weil dort die Sonne früher aufgeht, ist es auf der Uhr später. In Richtung Westen ist es andersherum: Weil dort die Sonne später aufgeht, ist es dort auf der Uhr früher.
Man einigte sich auf die „Null-Linie" des Londoner Vorortes Greenwich, weil es in England dem schottischen Uhrmacher John Harrison im 18. Jahrhundert gelungen war, das Problem der Längengrade zu lösen. Das war ein wichtiger Fortschritt, der vielen Seeleuten das Leben rettete, weil sie ihre Position auf See bei jedem Wetter von nun an exakt bestimmen konnten.
Mitteleuropäische Zeit in Deutschland
In Stadt und Land lebte man damals weitgehend nach der Sonne. Viele Menschen arbeiteten und schliefen zwar weiter nach der natürlichen Zeit, aber alle mussten sich daran gewöhnen, dass die offizielle Uhrzeit davon abwich.
Der weitverbreitet "Gartenlaube Kalender" erklärte 1894 seinen Lesern die "starke Umwälzung in unserer Zeitrechnung" theoretisch und half praktisch mit einer "Tafel zur Umrechnung von Ortszeiten in mitteleuropäische Zeit".
Ganz Deutschland hat jetzt in demselben Augenblick die selbe Zeit und zwar diejenige, welche der des 15. Längengrades, des Meridians von Görlitz, entspricht. Dass gerade der 15. Längengrad und nicht der, welcher genau in der Mitte Deutschlands liegt, gewählt wurde, liegt daran, „dass Deutschland mit der Festsetzung einer Einheitszeit dem Beispiel Österreichs, Italiens, Frankreichs, Belgiens und Russland folgte und sich daher in das bestehende System der Nachbarstaaten einfügen musste“, hieß es im Gartenlaubekalender 1894.
Aus heutiger Sicht ist es erstaunlich wie reibungslos die einschneidende Veränderung über die Bühne gehen konnte. EG-Beamte in Brüssel können da nur neidisch werden. Spanien und Frankreich, Belgien und die Niederlande orientierten sich anfangs nach Greenwich, übernahmen aber schon vor Jahrzehnten die Mitteleuropäische Zeit, von der sich jetzt unter den EG-Staaten nur Portugal im Osten und Griechenland im Westen um jeweils eine Stunde abheben.
Heute geraten manche Beamten in verfrühte Verzweifelung, weil sie fürchten, Brüssel könnte ihnen die Mitteleuropäische Zeit verordnen. „Für uns komplett absurd“, grollt ein Schotte, „im Winter wäre es bei uns morgens eine verdammte Stunde länger dunkel als auf dem Kontinent.“ Schon wahr, aber dafür könnten die sparsamen Schotten abends länger ohne Lampe auskommen!
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