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Die Frucht des Geistes - praktische Spiritualität
Eine strenge und gründliche christliche Ausrichtung haben mich die ersten dreißig Jahre meines Lebens innerlich und äußerlich begleitet. Danach habe ich mich aus organisierter Christlichkeit zurückgezogen. Ich habe zu viele Situationen erlebt, in denen Lehre und Leben nicht übereinstimmten. Auch bei mir selbst war das so, doch ich kann mich selbst nicht leiden, wenn ich heucheln muss. Seit meinem 30. Lebensjahr prüfe ich religiöse, philosophische und ideelle Inhalte sehr genau, bevor ich entscheide, ob sie für mich persönlich stimmig sind. Auch studiere ich gewissenhaft, ob die gleichen Inhalte einen Wert für jeden Menschen haben könnten oder nicht. Über diesen Weg der Prüfung haben manche biblischen Aussagen für mich ihre Kraft verloren. Doch andere sind nach wie vor wichtig und wertvoll für mich.
Einer der biblischen Texte, die mich schon früh beeindruckt haben, steht im Neuen Testament, im Paulusbrief an die Galater. Dort geht es um die Frucht des Geistes. Es geht um die Frucht - und nicht um Früchte! Das ist ein wesentlicher Unterschied, der oft nicht beachtet wird.
Früchte - das ist eine Menge von gleichen oder unterschiedlichen Sorten. Frucht - das ist eine einzige mit bestimmten Inhaltstoffen. Die Inhaltsstoffe der „Frucht des Geistes“ werden durch Paulus deutlich benannt. Für mich heißt das, dass alle benannten Teile vorhanden sind, wenn es sich wirklich um die Frucht des Geistes handelt. All diese einzelnen Teile kommen in optimalem Zusammenspiel in einer Frucht vor.
Galater 5, 22: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmut, Keuschheit.“
- Liebe zu allen Wesen und zum Leben an sich
Wer das Leben liebt, achtet und toleriert es in allen seinen Ausdrucksformen. Liebe ist eine Energie, die mich mit allen geschaffenen Wesen verbindet.
Ich praktiziere täglich meine Liebe zum Leben durch mein liebevolles Verhalten zu allen Wesen: Stein - Pflanze - Tier - Mensch - gesamte Umwelt.
Alte Weisheit: „Die Liebe ist das einzige Gut, das sich vermehrt, wenn man es verschwendet.“
- Freude bei allem was ich tue und an allem Lebendigen
Wer sich auf die Freude ausrichtet, findet sie jeden Tag in ganz vielen kleinen Begebenheiten. Eigene Freude setzt mich in Bewegung und regt mich dazu an, andere Wesen zu erfreuen.
Ich freue mich an dem Leben, das durch mich fließt und gebe es gerne an andere weiter.
Friedrich Schiller: „Freude heißt die starke Feder in der ewigen Natur. Freude, Freude treibt die Räder in der großen Weltenuhr. Blumen lockt sie aus den Keimen, Sonnen aus dem Firmament, Sphären rollt sie in den Räumen, die des Sehers Rohr nicht kennt.“
- Friede zufrieden sein mit mir und allem, was ich bisher erlebt habe
Wer in Frieden lebt ist einverstanden mit der Welt, so wie sie jetzt ist. Er ist einverstanden mit seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart. Er hat Mitgefühl und trifft einfühlsame Entscheidungen, bei denen er sich innerlich frei und unbefangen fühlt.
Ich bin friedlich im Umgang mit allen anderen Wesen.
Dalai Lama: „Mitgefühl ist eine Haltung, die wir in der einen oder anderen Form und in unterschiedlich starker Ausprägung natürlich alle in uns kennen.“
- Geduld mit den Entwicklungen oder der Stagnationen von mir und anderen
Wer geduldig ist vertraut darauf, dass alles zur rechten Zeit geschehen wird. Er befindet sich innerlich in einem gelassenen und ruhigen Zustand. Er tut, was für ihn wesentlich ist und vertraut darauf, dass sich zur rechten Zeit Ergebnisse zeigen.
Ich bin geduldig mit mir und mit anderen und widerstehe Zwang und Zeitdruck die zum Teil in mir selbst entstehen oder von außen auf mich einwirken.
Volksweisheit: „Geduldig sein ist ernste Arbeit, die gelernt sein will.“
- Freundlichkeit als verinnerlichtes Verhalten im Umgang mit mir und anderen
Wer freundlich ist begegnet anderen Wesen vertrauensvoll und erwartet immer zuerst das Gute. Eigene Freundlichkeit überwindet äußere und innere Unterschiede zwischen Menschen unterschiedlichster Überzeugungen und Kulturen.
Ich begegne allen Wesen freundlich und vertrauensvoll.
Josef Joubert: „Freundlichkeit ist die Kunst, dem Menschen mehr Liebe entgegenzubringen, als er verdient.“
- Gütigkeit als Anpassung und Integration in eine Gemeinschaft
Wer gütig ist, urteilt und verurteilt nicht. Er achtet alle Menschen mit ihren Werten gleich, auch wenn er diese Werte nicht mit ihnen teilt.
Ich gehe sanft und freundlich mit mir und anderen um und ordne mich in der Gemeinschaft selbstverständlich ein
Oscar Wilde: „Es ist ein großer Fehler, das Komplimente machen aufzugeben. Wenn der Mensch nichts Charmantes mehr sagt, hat er auch keine charmanten Gedanken mehr.“
- Glaube ist ein freundschaftliches und liebevolles Vertrauen
Wer glaubt, geht vertrauensvoll und liebevoll mit allem, was ihm jeden Tag begegnet, um. Er ist freundlich und zuversichtlich, auch in dunklen Stunden.
Ich glaube an die Kraft des Lebens, an die Lebendigkeit und an den sich ständig wandelnden Lebensfluss.
Paul Tillich: „... Glaube schließt Mut ein. Darum vermag der Glaube, auch dem Zweifel an sich selbst standzuhalten.“
- Sanftmut der sanfte Mut, der behutsam nach vorne strebt
Mut ohne Angst ist selten. Sanfter Mut ist neugierig, zielstrebig und risikobereit, aber eben trotzdem behutsam. Sanftmut achtet darauf, sich und andere nicht zu verletzen.
Ich gehe mutig vorwärts und bin dabei einfühlsam mit mir und anderen.
Franz von Sales: „Der Sanftmütige sieht sehr wohl, was er selbst oder andere falsch machen, er gerät dabei jedoch nicht in Zorn, sondern sieht hinter all den Fehlern den Menschen, der viel Geduld und Liebe braucht ...“
- Keuschheit ist eine wissende, erkennende und bewusste innere Haltung
Wer erkennt, was ist und mit seinem Wissen demütig umgeht, der kann mit reinem Herzen helle und dunkle Seiten bei sich und anderen wahrnehmen, ohne sein Verhalten davon beeinflussen zu lassen. Er begegnet allen Wesen bewusst liebevoll.
Ich bin reines Herzens, wenn ich mich und andere wissend wahrnehme und freundlich mit mir und anderen umgehe.
Aus einer islamischen Freitagspredigt: „Ein wahrer Gläubiger ist nur derjenige, der ein reines Herz besitzt. Wenn jemand diese Eigenschaft besitzt, gibt er seinem Ego keine Möglichkeit die Grenzen zu überschreiten. Er ist nicht in der Lage, jemanden Unrecht anzutun und behandelt alle Lebewesen gerecht; er weicht nicht von der Wahrheit ab; hilft den Menschen in Not und vermeidet das Schlechte und das Verwerfliche.“
Die „Frucht des Geistes“ jeden Tag aufs Neue konsequent anzustreben ist für mich seit langem ein lohnendes Ziel. Diese Lebenseinstellung ist wie Schmieröl in einem Getriebe. Der Alltag wird dadurch leicht, besonders an den Stellen wo die Herausforderungen des Schicksals groß und schwer erscheinen. Und so bin ich ganz einig mit der Aussage des Dichters:
Der höchste Lohn für unsere Bemühungen ist nicht das, was wir dafür bekommen, sondern das, was wir dadurch werden. John Ruskin
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